Jung und naiv in die digitalen Arbeitswelten

Anmerkungen zum Microsoft-„Manifest für ein neues Arbeiten“

Die 30jährigen wollen flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, auch von zuhause zu arbeiten. Umgarnt werden sie dabei von Konzernen wie Microsoft, der in seinem „Manifest für ein neues Arbeiten“ die Abkehr von den üblichen 9 to 5-Jobs propagiert. Das ist durch hosentaschenkleine Computer möglich geworden. Ist diese Generation Y für die Gewerkschaften bereits verloren? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick in die jüngste Literaturgeschichte.

 

Im Roman „Generation X“ von Douglas Coupland aus dem Jahr 1991 ist der Begriff „McJob“ bekannt geworden. Der kanadische Autor spielte damals auf den Niedriglohnsektor bei Firmen wie McDonalds an, die zumindest in den USA ohne Sozial- und Rentenversicherung, Kündigungsschutz oder Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung Arbeitnehmer beschäftigen. Im Roman beschrieb Coupland bereits damals die Prekarisierung in seinem (erfundenen) „Lexikon einer neuen Arbeitsgesellschaft“. Man hätte es also schon Anfang der neunziger Jahre ahnen können: „McJobs“ würden in den kommenden Jahrzehnten sehr real werden. Die Coupland’sche „Generation X“ ist jene, die sich mit weniger Wohlstand und ökonomischer Sicherheit begnügen muss als die Elterngenerationen, aber andererseits für deren ökonomische und ökologische Sünden büßt. In diese Altersgruppe fällt aber auch die Entwicklung vom Personalcomputer als Alltagsgerät, das in den Folgejahren immer kleiner, handlicher und für die Arbeitswelt bedeutender wurde. Der Begriff „McJob“ bekommt somit eine ganz neue Prägung, was sein Schöpfer bereits ahnte.

Microsklaven arbeiten Tag und Nacht

Mitte der neunziger Jahre war es wiederum Coupland, der die Entwicklungsgeschichte des Computersystems „Windows 95“ in seinem brillanten Roman „Microsklaven“ treffend beschrieben hat. Es ist eine penibel genau recherchierte Innenansicht der Firma Microsoft in ihrer erfolgreichsten Phase. Eine Horde von Programmierern ernährt sich fast rund um die Uhr von Cola und Pizza, um nebenbei das Herzstück des Microsoft-Konzerns zu erschaffen, eine grafische Benutzeroberfläche namens Windows. Diese Nerds aus dem Roman waren eigentlich schon Vorläufer der heutigen Generation Y.

Erste Erkenntnis: die Lektüre von sogenannter Popliteratur – wie in diesem Fall über die Arbeitsgesellschaft – kann nur von Vorteil sein. Auch im gewerkschaftlichen Kontext.

Wir kennen die Entwicklung des Personal Computers seit seiner Erfindung, weil wir ihn privat und im Büro selbst nutzen. Wir wissen, was es bedeutet, wenn „Windows XP“ auf die nächste Generation „migriert“ werden muss und hinterher nicht mehr alle Programme funktionieren. Wir merken, wie abhängig der Büroalltag vom Platzhirsch Microsoft längst ist. Daran haben auch viele Versuche nichts geändert, die proprietären und teuren Lizenzen durch freie und quelloffene Open-Source-Varianten auszutauschen. Die Firma Microsoft verdient weiter prächtig an uns bzw. an ihren Produkten. Und trotzdem weiß sie: da treten junge Menschen mit ihren Laptops und Smartphones ins Berufsleben ein, die technisch auf dem gleichen oder sogar einem besseren Stand sind. Diese Menschen hassen den klobigen Personalcomputer auf dem Büroschreibtisch mit seinem eigentlich hoffnungslos veralteten Betriebssystem.

„Nicht arbeiten wie die Eltern“

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Was macht Microsoft in einer Situation, in der die eigenen Produkte nicht mehr zeitgemäß sind? Man tritt als Sponsor der jährlichen Fachveranstaltung „re-publica“ in Berlin auf und kauft sich zugleich eine ganze Diskussionsveranstaltung. Weil man bei Microsoft weiß: hier treffen sich die wichtigen Multiplikatoren, Menschen wie Markus Herrmann (27), der von sich selbst sagt: „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie vom Dorf“. Was gleichzeitig impliziert: der Pro7-Macher („Circus Halligalli“) und Autor („Aaarfz“) will genau das nicht mehr: so arbeiten wie seine Eltern.

Als Lobbyist hat Microsoft auch den Journalisten und Blogger Richard Gutjahr eingekauft, der in der Internet-Szene eine außergewöhnlich hohe Wertschätzung besitzt. Er pendelt zwischen den Arbeitsorten München, Köln und dem Wohnort seiner Familie, Tel Aviv. Schon aus diesem Grund ist Gutjahr ein Paradebeispiel für einen hyperflexiblen und hypermobilen Jobnomaden. Wie oft er seine beiden Kinder in Israel pro Monat tatsächlich sieht, verrät er hingegen nicht. Vermutlich erledigen mehrere Nannys den Betreuungsjob, damit Gutjahr weiterhin so flexibel arbeiten kann, wie im Manifest beschrieben. Ausgerechnet McKinsey-Mann Holger Haenecke bricht auf dem Microsoft-Podium eine Lanze für die vielbeschworene Familienfreundlichkeit des Konzepts „für ein neues Arbeiten“: man könne ja flexibel von zuhause arbeiten, wenn die Kinder mal krank seien. Das würde er mit seiner eigenen Familie jedenfalls so umsetzen. Als Personaler bei McKinsey ist Haenecke markige Schlagworte gewohnt: nicht mehr „Work-Life-Balance“ sei gefragt, sondern „personal balance“. Wie er das konkret anstellt, ein „Projekt fertigzustellen“ und gleichzeitig Kinder zu bändigen, bleibt sein Geheimnis.

„Alles in der Hosentasche“

 

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„Wir arbeiten gerne, motiviert und engagiert, stoßen aber täglich an Grenzen, die wir nicht länger akzeptieren“ – so lautet ein Satz aus dem sogenannten „Manifest für ein neues Arbeiten“. Die „Grenzen“ beschreiben aber keinesfalls die Bereiche Prekarisierung oder Arbeitsverdichtung. Es geht vielmehr um die „Gähnen“-verursachende Situation im Büroalltag: „Wir wollen nicht mehr länger am Schreibtisch festgehalten werden, wenn wir doch alles, was wir zum Arbeiten brauchen, in der Hosen- oder Aktentasche mit uns rum tragen“.

Das Microsoft-Manifest greift also die vermeintlichen Wünsche der Generation Y auf und mischt sie gnadenlos mit gewinnorientierten Eigeninteressen. Man ist bei Smartphones und Tablets im Hintertreffen gegenüber den Mitbewerbern, also gilt es aufzuholen. Die Generation Y ist oft noch kinderlos – da kann man im „Manifest“ behaupten: „Wir wollen unsere Kollegen und Mitarbeiter treffen, auch wenn wir selber zuhause, mit unseren Kindern auf dem Spielplatz oder in der Pause auf der Wiese sitzen“. Der Smartphone-Papa lässt grüßen, wie man ihn schon heute auf etlichen Spielplätzen beispielsweise im Prenzlauer Berg begutachten kann. Was haben die Kinder davon? Nichts. Hauptsache Papa (oder Mama) sind „always on“ – überall online.

Und es klingt ja auch so schön: „Wir lehnen starre, unflexible Arbeitsverhältnisse ab. Wir können nichts mit festen Hierarchien anfangen, die naturgegeben scheinen, aber mit natürlicher Autorität nichts zu tun haben. Und wir wollen auch nicht länger mit der Technik und den Werkzeugen von gestern arbeiten“. Viele 30jährige werden diese Sätze aus dem „Manifest für ein neues Arbeiten“ ohne die Wimpern zu zucken unterschreiben. Und da liegt die Crux: wer so denkt, der hält auch die Errungenschaften der Gewerkschaften für veraltet.

Tarifverträge? Von gestern.

Auch der Microsoft-Mann Thorsten Hübschen unterstreicht diese unreflektierte „Trend-Ideologie“, wenn er davon redet, die Betriebsräte seien oft „Teil der verkrusteten Strukturen“. Carmen Hildebrand, Socialmedia-Frau bei Metro, pflichtet ihm bei. Klar, wir befinden uns nicht auf einem Gewerkschaftskongress, sondern auf dem Bloggerkongress „re-publica“. Das Stimmungsbild ist eindeutig: Microsoft ist progressiv – gemeinsam mit der Generation Y, an die man sich unter dem Einsatz sämtlicher viralen Kampagnenkunst ranschmeißt. Gewerkschaftsarbeit? Tarifverträge? Von gestern.

Zweite Erkenntnis: der Besuch sogenannter Hipstertreffen – wie in diesem Fall der „re-publica“ – empfiehlt sich, um ein Stimmungsbild der entsprechenden Szene zu bekommen.

In seinem Erfahrungs- und Praxisbericht hat SAP-Betriebsratsmitglied Ralf Kronig in der Gegenblende 24 auf die Schattenseiten der Flexibilisierung hingewiesen. Der immense Leistungs- und Erwartungsdruck sei wie ein Sog, dem niemand entkomme, auch am Feierabend, in der Nacht und am Wochenende nicht. Den Beschäftigten werde eine ungeheure Flexibilität und unmenschliche Veränderungsfähigkeit abverlangt. Kronig: „Oftmals sind psychiatrische und therapeutische Einrichtungen die letzte Hilfemöglichkeit für Betroffene, die unter Burnout, Depressionen oder Angststörungen leiden“.

Im „Circle“ gibt es keine Chefs mehr

Die Belletristik kann auch hier wieder weiterhelfen, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. In der Fortschreibung der Romane von Douglas Coupland hat aktuell der US-Autor Dave Eggers sein Buch „Der Circle“ vorgelegt. Es ist ein Update der Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Silicon Valley. Die Hauptfigur ist eine 24-jährige Kalifornierin, die einen Job beim „Circle“ ergattert hat. Das ist ein freundlicher Internetkonzern, der sämtliche Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat. Es gibt dort, so wie es im Microsoft-Manifest gefordert wird, keine vermeintlichen Chefs mehr. Und was bedeutet das? Klar, die Arbeitszeit kann gar nicht mehr von der Freizeit getrennt werden. Die gesamte Person, nicht nur ihre Arbeitskraft, wird dem Zugriff des cheflosen Ganzen ausgesetzt. Da wird dann abends in der Kneipe beim Bier Tacheles geredet.

In den USA hat dieser Roman bereits im vergangenen Jahr ein großes Aufsehen erregt. Eggers habe darin eine Erzählform für die Arbeitstatsachen der digitalen Avantgarde gefunden, die hinter der erfahrungsgesättigten Transparenz klassischer Industriegesellschaftsliteratur nicht zurückstehe, wie etwa „Hard Times“ von Charles Dickens oder einigen Dramen des Naturalismus, so kommentierte ihn die FAZ.

Geheime Geschichte des modernen Arbeitsplatzes

Dass die realen Entwicklungen im Silicon Valley die erfundene Geschichte von Dave Eggers aus dem Roman „Der Circle“ längt eingeholt haben, ist nicht verwunderlich. Man kann die „Geheimgeschichte des modernen Arbeitsplatzes“ sogar nachlesen unter dem Titel „Cubed“ im neuen Buch des „n+1“-Redakteurs Nikil Saval. Untertitel: „Eine geheime Geschichte des Arbeitsplatzes“. Rezensenten sind bereits vollauf begeistert, weil sie wissen was Saval dort am Beispiel der IT-Industrie beschreibt, denn es scheint klar, dass es künftig auf fast alle anderen Sparten der Arbeitswelt ausgeweitet wird. Julie Ann Horvath, eine Protagonistin im Buch, verlässt desillusioniert ihren Arbeitgeber (die Open-Source-Schmiede „GitHub“), weil sie mit dem versprochenen hierarchiefreien Arbeiten nicht mehr klarkommt und weil die Übergänge zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen. Ann wusste nie, wie privat die abendlichen Kneipengespräche unter Kollegen eigentlich waren. Als man sie schließlich um „klärende Treffen“ bat – es waren ja keine Chefs, die sie da einbestellten, es machten sich nur Freunde Sorgen –, begann sie, den Kuschelbetrieb als einengend zu empfinden. Im Endeffekt hat Horvath ihrem Arbeitgeber massive Einschüchterungsversuche zum Vorwurf gemacht. Die Situation eskalierte, als die Ehefrau des Firmengründers sie privat einlud, um dann ihre Situation in der Firma zu thematisieren.

Die Factory in Berlin-Mitte kopiert San Francisco

Unweit des alten Mauerstreifens in der Bernauer Straße in Berlin hat vor wenigen Wochen die „Factory“ eröffnet, ein „Start-Up-Campus“ nach dem Vorbild von Google oder Facebook mitten in Berlin. Google hat eine Million Euro in diese Start-Up-Fabrik investiert und unterstützt die Gründer mit Mentorenprogrammen und Beratungen. Der Audiodienst „Soundcloud“ ist Hauptmieter des Start-up-Zentrums. Deren Produktmanagerin Jennifer Beecher ist ebenfalls Verfechterin des Microsoft- „Manifests für ein neues Arbeiten“. Sie selbst finde ihr Stück Privatheit, indem sie einfach mal die Benachrichtigungsoption für neue Mails („Push notifications“) auf ihrem Smartphone abstelle. Beecher erinnert vom Typ her an die weiblichen Hauptfiguren Mae aus „Der Circle“ und Ann aus „Cubed“.

Wie könnte ihr Leben also weiter verlaufen? Wird sie eine Familie gründen? Wird sie jemals in eine Gewerkschaft eintreten? Wir werden es sehen, wenn Jennifer als typische Vertreterin der Generation Y 15 Jahre älter ist. Vielleicht ist sie dann so desillusioniert vom flexiblen Arbeiten ohne Hierarchien wie heute bereits ihre Kollegin Ann Horvath aus der GitHub-Reportage im Buch „Cubed“. Es lohnt jedenfalls zum besseren Verständnis der Hintergründe des vermeintlich so progressiven „Manifests für ein neues Arbeiten“, zunächst mal die Werke von Eggers und Saval zu lesen. Und sich vielleicht hinterher zu sagen: „so jung und naiv – nein Danke!“.

Literatur

Douglas Coupland: „Generation X“ und „Microsklaven“. Galgenberg Verlag, Hamburg, 1992; Hoffmann & Campe 1996.

Dave Eggers: Der Circle. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. ISBN: 978-3-462-04675-5; 560 Seiten, gebunden; erscheint am 14.08.2014.

Nikil Saval: „Cubed – A Secret History of the Workplace“. Randomhouse 2014.

Links:

http://www.microsoft.com/de-de/news/pressemitteilung.aspx?id=535059

http://1drv.ms/QTNyBB

http://re-publica.de/session/manifest-ihr-nennt-es-arbeit-wir-nennen-es-unser-leben-einfachmachen-0

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12. September 2014 von Eastenders
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