Crowdfunding für den Amen-Break

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Schlagzeuger stehen normalerweise immer im Hintergrund. Das scheint sich jetzt zu ändern. Der mit drei Oskars prämierte Film „Whiplash“ zeigt einen Schlagzeugschüler, der von einem – man muss sagen – sadistischen Musiklehrer malträtiert wird. Ein anderer Schlagzeuger aus den USA ist verantwortlich für den wahrscheinlich berühmtesten Drumloop der modernen Musikgeschichte. Leider ist dieser Mann, er hiess Gregory Cylvester Coleman, vor knapp neun Jahren verarmt gestorben. Von all den Produzenten, die sein Schlagzeugsolo gesamplet hatten, sah er nie einen Penny, genau wie seine Bandkollegen. Der britische Diskjockey Martyn Webster hat als Geste der Wiedergutmachung eine Spendenaktion im Internet gestartet. In vier Wochen sind schon über 31.000 Euro zusammengekommen. Rund 1700 Menschen haben kleine Beträge gespendet. Zum Vergleich: eine Datenbank im Internet listet mindestens genausoviele Musikstücke – rund 1500 – die den sogenannten „Amen-Break“ in irgendeiner Form verwendet haben.

Fashiontech 2015

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Ein Schwarm leuchtender und blinkender Fahrradfahrer: “Trafo Pop”, ein Fahrrad-Kollektiv von Designern und Künstlern, die in der Dämmerung gemeinsam durch die Straßen radeln – mit ihren selbstgebauten Leucht-Jacken. Auf den Westen sind LED-Screens eingebaut, die mittels Arduino Miniatur-Computern gesteuert werden. Das Kollektiv lädt dazu ein, bei den Night Rides mitzufahren. Die LED reagieren auf die Beats – Tweets sind auch möglich. Freaky!

Amsterdam Klezmer Band – Blitzmash

Die Amsterdam Klezmer Band hat sich rar gemacht auf den deutschen Konzertbühnen im vergangenen Jahr. Aber 2015 starten die sechs Musiker mit ihrem aus der Ukraine stammenden Sänger Alec Kopyt wieder durch – mit neuem Album und neuer Mission: „Blitzmash“. Das steht für zwei Dinge, so Klarinettist Janfie van Strien: „Alles muss schnell gehen“, das sei die eine Bedeutung. Die zweite: „Mashup“ steht für den Mix an Stilen, den wir auf diesem Album hören – und der ist vielseitiger denn je.

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Eine „Klatsche“

Für diesen Mix haben die Niederländer sogar noch einen weiteren Begriff auf Lager: „Klatschen“. „Das heißt auf jiddisch: alles vermengen“, erklärt Saxophonist Job Chajes. „Meine Mutter sagte das zu meinem Vater, wenn er einen Eintopf kocht: du machst eine Klatsche“. Für ihr neues Album hat die Amsterdam Klezmer Band ihren Horizont nochmals erweitert. Es gibt Polka, Rap, Funk, Reggae, Balkanpop, Jazz sowie orientalische Einflüsse. Diese Zutaten lassen die Klezmer-Tradition in einem ganz neuen Licht erscheinen, für Puristen vielleicht zweifelhaft. Für Job Chajes ist die Entwicklung der Band und ihrer Musik hingegen logisch: „Kulturen brauchen manchmal etwas länger, aber früher oder später vermischen sie sich“.

Skip & Die“ dabei

Ihren Produzenten Jori Collignon vom Globa-Pop-Duo „Skip & Die“ kennen die Amsterdamer schon aus seiner Zeit beim holländischen Rap-Kollektiv „C-Mon & Kypski“. Janfie van Strien: „Wir mögen seine Drumsounds und elektronischen Beats“. Die Arbeit am Album könne man sich wie bei einem Puzzle vorstellen. Alle sechs Musiker haben jeweils zwei Songs komponiert, das Gerüst aufgenommen und das Material an Jori weitergegeben. Beim Track „Ladybirds“ ist auch Cata.Pirata, die Sängerin von Skip & Die zu hören – als eine Art Reminiszenz an Künstlerinnen wie M.I.A.

Mehr Frauen denn je

Noch nie hat die Amsterdam Klezmer Band mit so vielen Sängerinnen gearbeitet: neben Cata.Pirata ist auch Lilian Vieira als Gast dabei, die Sängerin der holländisch-brasilianischen Band Zuco 103. Sie liefert einen lustigen Text ab, wie man zur Musik der AKB tanzen sollte („Steig mir nicht auf die Füsse!“). Die aus Marrokko stammende Sängerin und Poetin Samira Dainan rezitiert ihr Gedicht „Zwischen Gestern und heute“ und kontrastiert damit den Songtext von Job Chajes über zwei jüdische Menschen, einer davon ist sein Opa. Auch sehr poetisch geht es zu auf einem Song, dessen Text die türkische Sängerin Kivilcim beigesteurt hat.

Istanbul-Connection

Überhaupt, die Istanbul-Connection der Amsterdam Klezmer Band wird auf dem neuen Album wieder aktualisiert. Bereits vor zwölf Jahren hatte man mit der Galata Jazz Band ein gemeinsames Album aufgenommen. Nun taucht im Stück „Bambi Café“ das Gerüst von damals wieder auf – in einer modernisierten Version. Im Hinterkopf haben die Musiker bereits ihr 20jähriges Bandjubiläum im kommenden Jahr – Arbeitstitel: AKB 2.0.

Balkan-Hype? Egal!

Ende der 90er Jahre haben Janfie, Job und die anderen als Straßenmusiker angefangen. Das war – von den üblichen Durststrecken abgesehen – in Amsterdam damals durchaus lukrativ. Weil sich sehr viele Menschen für den neuen Sound aus Balkan, Gipsy und Klezmer interessierten. Die Amsterdam Klezmer Band hat es mit Durchhaltevermögen und Professionalität geschafft, sich eine weltweite Fangemeinde zu erspielen. Große Festivalzelte und -säle sind nun die Spielstätten. Aber ist der Balkan-Hype nicht vorrüber? Janfie: „Wir waren schon vor dem Hype da und sind es auch jetzt noch – weil es mehr ist als ein Hype“. Es werde immer ein Publikum für diese Musik geben – ähnlich wie beim Reggae Janfie: „Und wir haben immer noch den Turbo, den macht braucht!“. Job Chajes ergänzt: „Qualität ist eben Qualität – das verstehen die Menschen im Publikum“.

Und die Ukraine?

Zur aktuellen politischen Situation in der Ukraine könnte die Band viel erzählen – schliesslich ist Alec Kopyt, der aus Odessa stammt, seit mehr als zehn Jahren so etwas wie der Frontmann der Amsterdamt Klezmer Bad. Er hat „Mokum“ (jiddisch für Amsterdam) seine neue Heimat gefunden. „Wenn mir jemand vor 30 Jahren erzählt hätte, dass ich mal in einer traditionellen Band die Lieder meiner Heimat spielen würde, hätte ich ihn ausgelacht“, erklärt Kopyt. Nun singt er im Track „Bhangra Balkan Style“ über seine neue Rolle als polyglotter Sänger: „Ich habe mir gerade ein neues Ipad geleistet und nehme es mit auf die Tour de France“. Um damit Rad zu fahren? Nein, schmunzeln die Bandkollegen: Alec skypt damit immer Backstage mit den Verwandten in der Ukraine.

Martin Morales: Peru Bravo & Ceviche

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Der ehemalige Musikmanager Martin Morales hat seine Kindheit in Peru bei seiner peruanischen Familie verbracht. Seit seinem 11. Lebensjahr geht er gerne auf Märkte und kocht peruanische Speisen, die er von seinen Tanten, Eltern und Großeltern gelernt hat. Erst ist er seiner anderen Leidenschaft – der Musik – gefolgt und hat viele Jahre in der Musikbranche gearbeitet, u.a. für Labels wie Outcaste („Oi Va Voi“).

Später hat er beschlossen seine beiden Leidenschaften – Musik und peruanische Küche – zu vereinen und ein Restaurant zu eröffnen. So hat er mit seiner Ehefrau 2012 das Restaurant „Ceviche“ im Londoner Stadtteil Soho eröffnet. „Ceviche“ ist ein peruanische Nationalgericht. Hierzu wird frischer Fisch in einer Limetten-Chili Mischung ein paar Minuten mariniert und dann mit knackigen roten Zwiebelscheiben und Koriander serviert.
Jetzt gibt’s von Martin ein CD-Compilation namens „Peru Bravo“ mit Musik aus seiner Kindheit in Lima.

http://byte.fm/sendung/dj-eastenders-bricolage-deluxe

 

 

Rumba-Drilling und Ruhrpott-Darling

Ricardo Lemvo ist der Held dreier Kontinente: er stammt aus Kinshasa im Kongo, liebt Rhythmen aus Kuba und lebt seit vier Jahrzehnten in Los Angeles. Nach längerer Pause kommt sein neues Album „La Rumba SoYo“ mit afro-kubanischer Finesse. „Wir haben gewonnen Leuteeeeee!”, postete Lary nach dem Gewinn des New Music Awards auf ihrer Facebook-Seite. Die Wahl-Berlinerin stammt aus Gelsenkirchen-Ückendorf und will nun die Welt erobern mit ihrem Elektro-Soul-Pop-Album „Future Deutsche Welle“


Cover: Ricardo & Makina Loca Lemvo - "La Rumba Soyo"
Cover: Ricardo & Makina Loca Lemvo – “La Rumba Soyo”

Ricardo Lemvo & Makina Loca: “La Rumba Soyo” (Cumbancha/Exil/Indigo)

Ein echter Weltenbürger meldet sich zurück: Ricardo Lemvo, der kalifornische Außenposten für Salsa, Merengue und Rumba. Er ist vor 57 Jahren im Norden von Angola geboren worden und hat die 60er Jahren als Kind in Kinshasa verbracht. Dort war damals Musik aus Kuba extrem angesagt – kein Zufall, denn afrikanische Sklaven hatten einst ihre Rhythmen in die Karibik mitgenommen. Anfang der 50er hatte Celia Cruz ein Konzert in Kinshasa gegeben. Die Rumba Congolaise war geboren und Ricardo angefixt.

Von Kinshasa nach L.A.

1972 durfte er zu seinem Vater nach Los Angeles in die USA reisen. Neben dem Politik-Studium waren nachts in den Clubs die besten Latin-Musiker verfügbar – und das war dann der Startschuss für die Band “Makina Loca”. Schnell war die Zielrichtung klar: eine Fusion verschiedenster Stile aus Ricardos Heimat Kongo mit den karibischen Vorbildern eines Oscar D’Leon oder auch Tito Puento. “Ich bin der König des Rumba, tanz mit mir durch die Nacht” – heisst es auf “Rumba SoYo”, dem Titelstück des neuen Albums. Merengue aus Lateinamerika trifft auf Soukous aus Afrika – und es klingt, als hätte es diese Fusion schon immer gegeben.

Havanna meets Angola

Im Zentrum steht ein Duett zwischen Ricardo Lemvo und seinem alten Kumpel Jesus Pérez aus Havanna – gesungen auf spanisch sowie kongolesisch. Der Chef des angolanischen Nationalen Radios, Adao Filipe, hat zahlreiche Texte geschrieben. Und man ist immer wieder verblüfft, wie beide es geschafft haben, viele afrikanische Dialekte plus spanisch und portugiesich so aus einem Guss zu präsentieren.

Elegant und vital

Ricardo Lemvos neues Album ist auch vom Titel “La Rumba SoYo” her ein Verweis auf sein wichtiges Werk aus dem Jahr 1998: “Mambo Yo Yo” – damals wurde der Grundstein gelegt zu einer eleganten Fusion zwischen afrikanischer und lateinamerikanischer Musik. Auf dem neuen Album ist zu jedem Song dann auch der Stil nochmal aufgeführt – Bolero, Son, Rumba oder die klassische Salsa. Das macht “La Rumba SoYo” auch interessant für alle Salsa- und Merengue-Tänzer und die Fans des Buena Vista Social Clubs. Ein echter Weltenbürger präsentiert hier also sein Alterswerk, das vor Vitalität strotzt. Ricardo Lemvo und Makina Loca: Afro-Latin zum Tanzen und Staunen.


Cover: Lary -"Future Deutsche Welle"

Lary -“Future Deutsche Welle” (Chimperator/Sony)

“Ich konnte mich nie selbst kategorisieren, ich würd’ nicht sagen, ich bin Soul oder R&B oder nur Pop”, so Lary alias Larissa Sirah Herden noch vor zwei Jahren über ihren eigenen Stil. Damit tun sich Musikerinnen und Musiker ja bekanntlich immer schwer. Aber wenn eine wichtige Trophäe ins Spiel kommt, wird das alles nebensächlich: “Völlig verrückt!!!” – das steht nun auf Larys Facebook-Seite. Sie ist die Newcomerin des Jahres, geadelt von mehreren Jugendwellen.

Larys Connection: Curse und Patrice

Das Album ist da und der Preis gewonnen – perfektes Timing – live hatte uns Lary ja schon im Mai überzeugt bei unserer BIG UP! Party, als Teil des Afrostep-Projekts von Patrice. Lary steht solo für Elektro-Soul-Pop mit deutschen Texten. Ihre Mentoren: Curse und Tim Bendzko, aber auch Patrice und Chima. Und vielleicht auch ihre Mutter und der Musiklehrer in Gelsenkirchen-Ückendorf: Lary durfte schon mit zehn Jahren im Chor eines Musicals mitsingen. Zuhause gabs eine Wurlitzer-Jukebox mit Soulplatten. Noch wichtiger vielleicht die Besuche beim Vater in London, der sie mit jamaikanischen Reggaebeats versorgte.

Die Beatgees basteln luftig

Auf dem Album überwiegen Slow-beats mit Elektro-Touch, eher luftig und zugleich basslastig produziert. Die Stimme wird durch diverse Filter gejagt, darf für sich selbst im Chor singen. Damit steht Lary ganz vorn, Jessie Ware oder auch Lorde sind die Fixsterne, denen sie gern nacheifert. Die vier Jungs vom Produzententeam Beatgees aus dem Berliner Prenzlauer Berg haben die Songgerüste gebastelt. In einer alten Brauerei ist das Album aufgenommen worden. Und fast schon klar: Lary lebt jetzt in Berlin, da gab es wohl nach der New-York-Erfahrung auch kein Zurück mehr in den Ruhrpott.

“Future Deutsche Welle”

Beim Texten habe sie sich von Hermann Hesse beeinflussen lassen, sagt Lary. Sie reimt mit introvertierten Lyrics, über Liebe, Spass und das Selfie-Foto. Der Albumtitel “Future Deutsche Welle” ist natürlich ein Promo-Gag. Er trifft nicht den Kern von Larys Musik, denn die “Neue Deutsche Welle” – kurz: NDW – war ja Anfang der Achtziger Jahren eher von einer Punkattitüde geprägt. Was aber gar nicht problematisch ist, denn es funktioniert auf der Schiene: einfach mal machen, aber auch nachdenklich sein, himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt. Ein Selfie schiessen, jung und schön ist man sowieso. Es gibt nichts zu bereuen.

Macht sie ihren Weg?

Lary hat ihre Karriere eigentlich schon mit zehn Jahren gestartet. Nun ist sie 28 und wird ihren Weg gehen. Lary wird nach ihrem Sieg bei den New Music Awards jetzt für alle wichtigen Festivals im kommenden Jahr gebucht werden.

Jung und naiv in die digitalen Arbeitswelten

Anmerkungen zum Microsoft-„Manifest für ein neues Arbeiten“

Die 30jährigen wollen flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, auch von zuhause zu arbeiten. Umgarnt werden sie dabei von Konzernen wie Microsoft, der in seinem „Manifest für ein neues Arbeiten“ die Abkehr von den üblichen 9 to 5-Jobs propagiert. Das ist durch hosentaschenkleine Computer möglich geworden. Ist diese Generation Y für die Gewerkschaften bereits verloren? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick in die jüngste Literaturgeschichte.

 

Im Roman „Generation X“ von Douglas Coupland aus dem Jahr 1991 ist der Begriff „McJob“ bekannt geworden. Der kanadische Autor spielte damals auf den Niedriglohnsektor bei Firmen wie McDonalds an, die zumindest in den USA ohne Sozial- und Rentenversicherung, Kündigungsschutz oder Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung Arbeitnehmer beschäftigen. Im Roman beschrieb Coupland bereits damals die Prekarisierung in seinem (erfundenen) „Lexikon einer neuen Arbeitsgesellschaft“. Man hätte es also schon Anfang der neunziger Jahre ahnen können: „McJobs“ würden in den kommenden Jahrzehnten sehr real werden. Die Coupland’sche „Generation X“ ist jene, die sich mit weniger Wohlstand und ökonomischer Sicherheit begnügen muss als die Elterngenerationen, aber andererseits für deren ökonomische und ökologische Sünden büßt. In diese Altersgruppe fällt aber auch die Entwicklung vom Personalcomputer als Alltagsgerät, das in den Folgejahren immer kleiner, handlicher und für die Arbeitswelt bedeutender wurde. Der Begriff „McJob“ bekommt somit eine ganz neue Prägung, was sein Schöpfer bereits ahnte.

Microsklaven arbeiten Tag und Nacht

Mitte der neunziger Jahre war es wiederum Coupland, der die Entwicklungsgeschichte des Computersystems „Windows 95“ in seinem brillanten Roman „Microsklaven“ treffend beschrieben hat. Es ist eine penibel genau recherchierte Innenansicht der Firma Microsoft in ihrer erfolgreichsten Phase. Eine Horde von Programmierern ernährt sich fast rund um die Uhr von Cola und Pizza, um nebenbei das Herzstück des Microsoft-Konzerns zu erschaffen, eine grafische Benutzeroberfläche namens Windows. Diese Nerds aus dem Roman waren eigentlich schon Vorläufer der heutigen Generation Y.

Erste Erkenntnis: die Lektüre von sogenannter Popliteratur – wie in diesem Fall über die Arbeitsgesellschaft – kann nur von Vorteil sein. Auch im gewerkschaftlichen Kontext.

Wir kennen die Entwicklung des Personal Computers seit seiner Erfindung, weil wir ihn privat und im Büro selbst nutzen. Wir wissen, was es bedeutet, wenn „Windows XP“ auf die nächste Generation „migriert“ werden muss und hinterher nicht mehr alle Programme funktionieren. Wir merken, wie abhängig der Büroalltag vom Platzhirsch Microsoft längst ist. Daran haben auch viele Versuche nichts geändert, die proprietären und teuren Lizenzen durch freie und quelloffene Open-Source-Varianten auszutauschen. Die Firma Microsoft verdient weiter prächtig an uns bzw. an ihren Produkten. Und trotzdem weiß sie: da treten junge Menschen mit ihren Laptops und Smartphones ins Berufsleben ein, die technisch auf dem gleichen oder sogar einem besseren Stand sind. Diese Menschen hassen den klobigen Personalcomputer auf dem Büroschreibtisch mit seinem eigentlich hoffnungslos veralteten Betriebssystem.

„Nicht arbeiten wie die Eltern“

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Was macht Microsoft in einer Situation, in der die eigenen Produkte nicht mehr zeitgemäß sind? Man tritt als Sponsor der jährlichen Fachveranstaltung „re-publica“ in Berlin auf und kauft sich zugleich eine ganze Diskussionsveranstaltung. Weil man bei Microsoft weiß: hier treffen sich die wichtigen Multiplikatoren, Menschen wie Markus Herrmann (27), der von sich selbst sagt: „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie vom Dorf“. Was gleichzeitig impliziert: der Pro7-Macher („Circus Halligalli“) und Autor („Aaarfz“) will genau das nicht mehr: so arbeiten wie seine Eltern.

Als Lobbyist hat Microsoft auch den Journalisten und Blogger Richard Gutjahr eingekauft, der in der Internet-Szene eine außergewöhnlich hohe Wertschätzung besitzt. Er pendelt zwischen den Arbeitsorten München, Köln und dem Wohnort seiner Familie, Tel Aviv. Schon aus diesem Grund ist Gutjahr ein Paradebeispiel für einen hyperflexiblen und hypermobilen Jobnomaden. Wie oft er seine beiden Kinder in Israel pro Monat tatsächlich sieht, verrät er hingegen nicht. Vermutlich erledigen mehrere Nannys den Betreuungsjob, damit Gutjahr weiterhin so flexibel arbeiten kann, wie im Manifest beschrieben. Ausgerechnet McKinsey-Mann Holger Haenecke bricht auf dem Microsoft-Podium eine Lanze für die vielbeschworene Familienfreundlichkeit des Konzepts „für ein neues Arbeiten“: man könne ja flexibel von zuhause arbeiten, wenn die Kinder mal krank seien. Das würde er mit seiner eigenen Familie jedenfalls so umsetzen. Als Personaler bei McKinsey ist Haenecke markige Schlagworte gewohnt: nicht mehr „Work-Life-Balance“ sei gefragt, sondern „personal balance“. Wie er das konkret anstellt, ein „Projekt fertigzustellen“ und gleichzeitig Kinder zu bändigen, bleibt sein Geheimnis.

„Alles in der Hosentasche“

 

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„Wir arbeiten gerne, motiviert und engagiert, stoßen aber täglich an Grenzen, die wir nicht länger akzeptieren“ – so lautet ein Satz aus dem sogenannten „Manifest für ein neues Arbeiten“. Die „Grenzen“ beschreiben aber keinesfalls die Bereiche Prekarisierung oder Arbeitsverdichtung. Es geht vielmehr um die „Gähnen“-verursachende Situation im Büroalltag: „Wir wollen nicht mehr länger am Schreibtisch festgehalten werden, wenn wir doch alles, was wir zum Arbeiten brauchen, in der Hosen- oder Aktentasche mit uns rum tragen“.

Das Microsoft-Manifest greift also die vermeintlichen Wünsche der Generation Y auf und mischt sie gnadenlos mit gewinnorientierten Eigeninteressen. Man ist bei Smartphones und Tablets im Hintertreffen gegenüber den Mitbewerbern, also gilt es aufzuholen. Die Generation Y ist oft noch kinderlos – da kann man im „Manifest“ behaupten: „Wir wollen unsere Kollegen und Mitarbeiter treffen, auch wenn wir selber zuhause, mit unseren Kindern auf dem Spielplatz oder in der Pause auf der Wiese sitzen“. Der Smartphone-Papa lässt grüßen, wie man ihn schon heute auf etlichen Spielplätzen beispielsweise im Prenzlauer Berg begutachten kann. Was haben die Kinder davon? Nichts. Hauptsache Papa (oder Mama) sind „always on“ – überall online.

Und es klingt ja auch so schön: „Wir lehnen starre, unflexible Arbeitsverhältnisse ab. Wir können nichts mit festen Hierarchien anfangen, die naturgegeben scheinen, aber mit natürlicher Autorität nichts zu tun haben. Und wir wollen auch nicht länger mit der Technik und den Werkzeugen von gestern arbeiten“. Viele 30jährige werden diese Sätze aus dem „Manifest für ein neues Arbeiten“ ohne die Wimpern zu zucken unterschreiben. Und da liegt die Crux: wer so denkt, der hält auch die Errungenschaften der Gewerkschaften für veraltet.

Tarifverträge? Von gestern.

Auch der Microsoft-Mann Thorsten Hübschen unterstreicht diese unreflektierte „Trend-Ideologie“, wenn er davon redet, die Betriebsräte seien oft „Teil der verkrusteten Strukturen“. Carmen Hildebrand, Socialmedia-Frau bei Metro, pflichtet ihm bei. Klar, wir befinden uns nicht auf einem Gewerkschaftskongress, sondern auf dem Bloggerkongress „re-publica“. Das Stimmungsbild ist eindeutig: Microsoft ist progressiv – gemeinsam mit der Generation Y, an die man sich unter dem Einsatz sämtlicher viralen Kampagnenkunst ranschmeißt. Gewerkschaftsarbeit? Tarifverträge? Von gestern.

Zweite Erkenntnis: der Besuch sogenannter Hipstertreffen – wie in diesem Fall der „re-publica“ – empfiehlt sich, um ein Stimmungsbild der entsprechenden Szene zu bekommen.

In seinem Erfahrungs- und Praxisbericht hat SAP-Betriebsratsmitglied Ralf Kronig in der Gegenblende 24 auf die Schattenseiten der Flexibilisierung hingewiesen. Der immense Leistungs- und Erwartungsdruck sei wie ein Sog, dem niemand entkomme, auch am Feierabend, in der Nacht und am Wochenende nicht. Den Beschäftigten werde eine ungeheure Flexibilität und unmenschliche Veränderungsfähigkeit abverlangt. Kronig: „Oftmals sind psychiatrische und therapeutische Einrichtungen die letzte Hilfemöglichkeit für Betroffene, die unter Burnout, Depressionen oder Angststörungen leiden“.

Im „Circle“ gibt es keine Chefs mehr

Die Belletristik kann auch hier wieder weiterhelfen, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. In der Fortschreibung der Romane von Douglas Coupland hat aktuell der US-Autor Dave Eggers sein Buch „Der Circle“ vorgelegt. Es ist ein Update der Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Silicon Valley. Die Hauptfigur ist eine 24-jährige Kalifornierin, die einen Job beim „Circle“ ergattert hat. Das ist ein freundlicher Internetkonzern, der sämtliche Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat. Es gibt dort, so wie es im Microsoft-Manifest gefordert wird, keine vermeintlichen Chefs mehr. Und was bedeutet das? Klar, die Arbeitszeit kann gar nicht mehr von der Freizeit getrennt werden. Die gesamte Person, nicht nur ihre Arbeitskraft, wird dem Zugriff des cheflosen Ganzen ausgesetzt. Da wird dann abends in der Kneipe beim Bier Tacheles geredet.

In den USA hat dieser Roman bereits im vergangenen Jahr ein großes Aufsehen erregt. Eggers habe darin eine Erzählform für die Arbeitstatsachen der digitalen Avantgarde gefunden, die hinter der erfahrungsgesättigten Transparenz klassischer Industriegesellschaftsliteratur nicht zurückstehe, wie etwa „Hard Times“ von Charles Dickens oder einigen Dramen des Naturalismus, so kommentierte ihn die FAZ.

Geheime Geschichte des modernen Arbeitsplatzes

Dass die realen Entwicklungen im Silicon Valley die erfundene Geschichte von Dave Eggers aus dem Roman „Der Circle“ längt eingeholt haben, ist nicht verwunderlich. Man kann die „Geheimgeschichte des modernen Arbeitsplatzes“ sogar nachlesen unter dem Titel „Cubed“ im neuen Buch des „n+1“-Redakteurs Nikil Saval. Untertitel: „Eine geheime Geschichte des Arbeitsplatzes“. Rezensenten sind bereits vollauf begeistert, weil sie wissen was Saval dort am Beispiel der IT-Industrie beschreibt, denn es scheint klar, dass es künftig auf fast alle anderen Sparten der Arbeitswelt ausgeweitet wird. Julie Ann Horvath, eine Protagonistin im Buch, verlässt desillusioniert ihren Arbeitgeber (die Open-Source-Schmiede „GitHub“), weil sie mit dem versprochenen hierarchiefreien Arbeiten nicht mehr klarkommt und weil die Übergänge zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen. Ann wusste nie, wie privat die abendlichen Kneipengespräche unter Kollegen eigentlich waren. Als man sie schließlich um „klärende Treffen“ bat – es waren ja keine Chefs, die sie da einbestellten, es machten sich nur Freunde Sorgen –, begann sie, den Kuschelbetrieb als einengend zu empfinden. Im Endeffekt hat Horvath ihrem Arbeitgeber massive Einschüchterungsversuche zum Vorwurf gemacht. Die Situation eskalierte, als die Ehefrau des Firmengründers sie privat einlud, um dann ihre Situation in der Firma zu thematisieren.

Die Factory in Berlin-Mitte kopiert San Francisco

Unweit des alten Mauerstreifens in der Bernauer Straße in Berlin hat vor wenigen Wochen die „Factory“ eröffnet, ein „Start-Up-Campus“ nach dem Vorbild von Google oder Facebook mitten in Berlin. Google hat eine Million Euro in diese Start-Up-Fabrik investiert und unterstützt die Gründer mit Mentorenprogrammen und Beratungen. Der Audiodienst „Soundcloud“ ist Hauptmieter des Start-up-Zentrums. Deren Produktmanagerin Jennifer Beecher ist ebenfalls Verfechterin des Microsoft- „Manifests für ein neues Arbeiten“. Sie selbst finde ihr Stück Privatheit, indem sie einfach mal die Benachrichtigungsoption für neue Mails („Push notifications“) auf ihrem Smartphone abstelle. Beecher erinnert vom Typ her an die weiblichen Hauptfiguren Mae aus „Der Circle“ und Ann aus „Cubed“.

Wie könnte ihr Leben also weiter verlaufen? Wird sie eine Familie gründen? Wird sie jemals in eine Gewerkschaft eintreten? Wir werden es sehen, wenn Jennifer als typische Vertreterin der Generation Y 15 Jahre älter ist. Vielleicht ist sie dann so desillusioniert vom flexiblen Arbeiten ohne Hierarchien wie heute bereits ihre Kollegin Ann Horvath aus der GitHub-Reportage im Buch „Cubed“. Es lohnt jedenfalls zum besseren Verständnis der Hintergründe des vermeintlich so progressiven „Manifests für ein neues Arbeiten“, zunächst mal die Werke von Eggers und Saval zu lesen. Und sich vielleicht hinterher zu sagen: „so jung und naiv – nein Danke!“.

Literatur

Douglas Coupland: „Generation X“ und „Microsklaven“. Galgenberg Verlag, Hamburg, 1992; Hoffmann & Campe 1996.

Dave Eggers: Der Circle. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. ISBN: 978-3-462-04675-5; 560 Seiten, gebunden; erscheint am 14.08.2014.

Nikil Saval: „Cubed – A Secret History of the Workplace“. Randomhouse 2014.

Links:

http://www.microsoft.com/de-de/news/pressemitteilung.aspx?id=535059

http://1drv.ms/QTNyBB

http://re-publica.de/session/manifest-ihr-nennt-es-arbeit-wir-nennen-es-unser-leben-einfachmachen-0